Hohe Inzidenzen in Pforzheim und dem Enzkreis

„Situation in den Kliniken sehr angespannt“ – Ausgangsbeschränkungen in der Region kommen wohl spätestens ab 19. April - Gemeinsame Pressemitteilung des Landratsamts Enzkreis und der Stadt Pforzheim vom 16.04.2021

ENZKREIS/PFORZHEIM. „Wir sehen dramatische Krankheitsverläufe – junge Patienten, die mit großen Atemproblemen eingeliefert werden und schon einen Tag später beatmet werden müssen.“ Mit deutlichen Worten beschreibt Dr. Felix Schumacher, Chefarzt der Intensiv- und Notfallmedizin im Helios-Klinikum, die Lage in den Krankenhäusern der Region: „Wir erwarten noch für mindestens drei Wochen steigende Patientenzahlen, haben aber schon jetzt eine nahezu voll ausgelastete Intensivstation.“

Auch Dr. Brigitte Joggerst, Leiterin des Gesundheitsamtes, zeigt sich ausgesprochen besorgt: „Das Infektionsgeschehen im Land und hier in der Region ist sehr dynamisch.“ Die Ärztin verweist auf die in den vergangenen Tagen starke und stetige Zunahme der Zahl der Corona-Infizierten und damit auch der Inzidenzen; die Stadt Pforzheim liegt hier im Moment bei über 150, der Enzkreis bei fast 200. „Und die Tendenz ist leider weiter steigend. Das ist auch auf den gestiegenen Anteil der leichter übertragbaren Virus-Mutationen zurückzuführen, der in der Region aktuell bei etwa 70 Prozent liegt.“

Angesichts der Entwicklung hat das Land Baden-Württemberg angekündigt, die vom Bund geplante Notbremse bereits am kommenden Montag, 19. April, ziehen zu wollen, und zwar im Zuge der ohnehin geplanten Aktualisierung der Corona-Verordnung. Dann soll in Stadt- und Landkreisen, in denen die Inzidenz über 100 liegt, automatisch eine nächtliche Ausgangsbeschränkung zwischen 21 und 5 Uhr gelten; das Haus darf dann also in dieser Zeit nur noch mit triftigem Grund verlassen werden. Aufgrund der Inzidenz-Zahlen gilt dies dann ab der Nacht auf Montag auch für die Region.

Warum Ausgangsbeschränkung?

„Ich weiß, dass viel über die Sinnhaftigkeit von Ausgangsbeschränkungen diskutiert wird“, sagt Brigitte Joggerst. „Ich halte sie aber für wirksam und dringend erforderlich.“ Dass solche Beschränkungen tatsächlich wirken, hätten mehrere Studien gezeigt, darunter erst jüngst eine Untersuchung von einem Team der University of Oxford, das verschiedene Maßnahmen in sieben europäischen Ländern während der zweiten Welle der Pandemie überprüft hat. „Alle Einschränkungen haben letztlich den einen Sinn, die Kontakte zu reduzieren und damit auch das Infektionsrisiko.“

Dramatische Lage in den Krankenhäusern

Das sei schon allein deshalb dringend geboten, weil auch die Situation auf den Intensivstationen zunehmend angespannt sei. „Wir sehen hier wie auch im ambulanten Sektor nicht nur einen deutlichen Anstieg bei den COVID-19-Patientenzahlen, sondern auch eine deutliche Verschiebung der Altersgruppen“, sagt die Gesundheitsamts-Chefin. Waren es in der zweiten Welle noch Menschen über 70 Jahre, die am häufigsten infiziert waren, so sind es aktuell die 20- bis 30-Jährigen. Hier mache sich vermutlich der schützende Effekt der Impfung bei den Älteren bemerkbar.

„Für unser Personal ist es schwer erträglich, dass wir vermehrt schwer kranke Patienten sehen, die noch Kinder im Grundschulalter haben – und von denen wir nicht immer wissen, ob sie durchkommen“, malt Felix Schumacher ein düsteres Bild. Und der Mediziner, der zugleich das ECMO-Zentrum am Helios Klinikum leitet, warnt vor Engpässen in der Intensiv-Versorgung: „Wir hatten zu Beginn dieser Woche mehrfach die Situation, dass es in der Region keine freien Intensivbetten mehr gab.“

Testmöglichkeiten nutzen

Um Erkrankungen und damit auch schwere Verläufe zu verhindern, appelliert Joggerst, immer wieder die vielerorts angebotenen Testmöglichkeiten in Anspruch zu nehmen. Je mehr getestet würde, desto mehr würden anfangs auch die Fallzahlen und damit die Inzidenzen steigen. Aber nur so könne das Dunkelfeld ausgeleuchtet werden, das ganz offensichtlich existiere: „Es gibt viele Menschen, die zwar keine Symptome, aber eine Corona-Infektion haben und daher andere anstecken können.“ Nur in knapp der Hälfte aller Fälle sei es möglich, bei einer Infektion den Ansteckungsweg zurückzuverfolgen. „Nur wenn wir Infektionsketten früh erkennen und wirksam unterbrechen, haben wir eine Chance“, so Brigitte Joggerst abschließend. „Das ist nach wie vor unsere wirksamste Waffe im Kampf gegen die Pandemie. Wir sind mitten in der dritten Welle und müssen alles dafür tun, um sie in ihrer Wucht zu bremsen.“

(stp/en